Frühjahr 2026 · Heft xii
← Magazin 17. Mai 2026
Tour · 12 min

Was kostet eine Clubtour heute? — Notizen zur Touring-Ökonomie

Nightliner, Per-Diems, FOH-Pauschale, Spritrechnung. Eine deutsche Clubtour mit fünf Personen Band und vier Personen Crew rechnet sich 2026 schwerer als vor zehn Jahren. Wir legen die Zahlen offen und fragen, was das für den musikalischen Nachwuchs heißt.

Was kostet eine Clubtour heute? — Notizen zur Touring-Ökonomie

Die Frage, ob eine Clubtour Geld einspielt, wird im Booking-Geschäft selten öffentlich beantwortet. Sie wird in Excel-Sheets beantwortet, die nur die Tourleitung, der Manager und gelegentlich die Band sehen. Wir möchten hier eine solche Rechnung beispielhaft offenlegen — mit plausiblen Größenordnungen, nicht mit exakten Zahlen einer konkreten Tour. Wer in der Branche arbeitet, wird die Werte als realistisch erkennen; wer von außen liest, wird vielleicht überrascht sein, wie schmal die Margen sind.

Wir nehmen als Modell eine zwölf Shows umfassende deutsche Clubtour im Frühjahr 2026, fünf Personen Band, vier Personen Crew (Tourleitung, FOH, Monitor/Backliner kombiniert, Merchverkauf/Light kombiniert). Spielen wir das durch.

Die Ausgabenseite

Der größte Einzelposten ist der Nightliner. Ein Schlafbus für neun bis zwölf Personen mit Fahrer kostet im Frühjahr 2026 in Deutschland zwischen 1.800 und 2.500 Euro pro Tag, inklusive Fahrer und Versicherung, exklusive Diesel. Eine zwölf-Show-Tour bedeutet etwa 14 bis 16 Bustage (Anfahrten, Off-Days zwischen weit entfernten Spielorten); rechnen wir mit 15 Tagen zu 2.150 Euro im Mittel, ergibt das 32.250 Euro Busmiete.

Dazu kommt ein Backline-Truck, der das schwere Equipment fährt — Verstärker, Drums, Cases, Merchandising. Eine 7,5-Tonnen-Lkw-Lösung mit Fahrer kostet rund 600–800 Euro pro Tag, also etwa 9.000 bis 12.000 Euro über die Tour. Manche Touren kommen ohne Truck aus und nutzen die Kofferraum-Kapazität des Nightliners — das spart, kostet aber Backline-Komfort und macht jeden Aufbau schwieriger. Setzen wir 10.500 Euro für den Truck an.

Crew-Pauschalen sind die nächste Säule. Die Tourleitung bekommt 250 bis 350 Euro pro Tag, der FOH-Mischer 200 bis 300, der Monitor-Mischer oder Backliner 150 bis 250, der Merch- und Light-Verantwortliche 130 bis 200. Vier Personen Crew über 15 Tage bei durchschnittlich 230 Euro Tagessatz pro Person ergeben 13.800 Euro Crew-Pauschalen. Per-Diems — also Verpflegungspauschalen pro Person und Tag — liegen bei etwa 35 bis 45 Euro; rechnen wir 40 Euro pro Person über 15 Tage und neun Personen, sind das 5.400 Euro.

Hotels für die Crew (die Band schläft im Bus, die Crew nicht immer) ergeben bei vier Einzelzimmern und durchschnittlich 95 Euro pro Nacht über 14 Hotelnächte etwa 5.320 Euro. Spritkosten variieren stark mit den gefahrenen Kilometern; eine deutsche Clubtour mit zwölf Shows fährt typischerweise 4.500 bis 6.000 Kilometer. Bei einem Nightliner-Verbrauch von etwa 30 Litern pro 100 Kilometer und einem Dieselpreis von rund 1,70 Euro pro Liter im Frühjahr 2026 ergibt das für 5.000 Kilometer Tourstrecke etwa 2.550 Euro Sprit für den Bus, dazu etwa 1.700 Euro für den Truck — gesamt circa 4.250 Euro.

Marketingkosten, Promo, Tour-Plakate, Werbung in Stadtmagazinen und auf Plattformen wie Spotify-Ads, kommen mit 5.000 bis 12.000 Euro dazu, je nachdem wie aktiv die Tour beworben wird. Versicherungen für Equipment und Personen sowie GEMA-Voranmeldungen schlagen mit weiteren 1.500 bis 2.500 Euro zu Buche. Provisionen für den Booker (üblicherweise 10 Prozent der Bruttogagen) und das Management (15–20 Prozent vom Bandanteil) sind erst nach der Einnahmenseite quantifizierbar; wir kommen darauf zurück.

Summiert ergibt die Ausgabenseite ohne Provisionen, ohne Marketing-Spitzen: etwa 71.000 bis 75.000 Euro reine Tourkosten für die zwölf Shows.

Die Einnahmenseite

Eine Clubtour 2026 in Deutschland spielt in Häusern zwischen 250 und 1.000 Kapazität, je nach Bandgröße meist 400–700. Nehmen wir einen Mittelwert von 550 verkauften Tickets pro Abend an — bei einer Band, die ihre Sache solide gelernt hat und einen ordentlichen Underground-Status besitzt, aber noch nicht von der populären Presse getragen wird. Der Eintrittspreis liegt in dieser Hallengröße zwischen 25 und 38 Euro VVK; rechnen wir 30 Euro netto Verkaufspreis nach Vorverkaufsgebühren.

Die Band bekommt davon je nach Vertrag mit dem Veranstalter zwischen 70 und 85 Prozent der Bruttokassa, abzüglich Saalmiete, Crew der Halle, und einer üblichen Veranstalter-Marge. In der Praxis verbleibt eine Gage von etwa 60 bis 70 Prozent der Bruttoeinnahmen bei der Tourproduktion. Bei 550 Tickets zu 30 Euro sind das 16.500 Euro Brutto pro Abend; die Tour bekommt davon, sagen wir, 65 Prozent, also rund 10.700 Euro pro Show. Über zwölf Shows: 128.400 Euro Gagen.

Dazu kommt Merchandising. Auf einer Clubtour werden pro Abend zwischen 2 und 7 Euro Merch pro anwesender Person umgesetzt, bei guten Bands mehr. Nehmen wir 4 Euro Brutto pro Person über 550 Anwesende und zwölf Shows: 26.400 Euro Merch-Umsatz, abzüglich Wareneinkauf (etwa 30 Prozent) und Hallengebühr (üblicherweise 10–20 Prozent des Merch-Umsatzes für die Hallennutzung): bleiben rund 13.000 Euro netto Merch-Ertrag.

Die Gesamteinnahmen liegen damit bei etwa 141.000 Euro über die Tour.

Was bleibt unter dem Strich? Ziehen wir Tourkosten (rund 73.000 Euro), 8.000 Euro Marketing, Booker-Provision (10 Prozent von 128.400 Euro Gagen, also 12.840 Euro) und Management-Provision (15 Prozent vom Bandanteil nach Booker-Provision, also rund 8.300 Euro) ab, bleiben etwa 39.000 Euro für die fünf Bandmitglieder. Geteilt durch fünf sind das 7.800 Euro pro Bandmitglied für rund vier Wochen Reise- und Spielzeit, plus die Wochen Vor- und Nachbereitung — also netto vor Steuern und vor Sozialabgaben rund 7.800 Euro für mindestens sechs Wochen Vollzeit.

Das ist keine Katastrophe. Es ist aber auch keine Existenzgrundlage, wenn man rechnet, dass eine vergleichbare Band 2026 vielleicht ein bis zwei Touren pro Jahr fahren kann. Mit Studio- und Songwriting-Einnahmen, Streaming, gelegentlichen Festival-Slots und Sync-Lizenzierungen wird daraus ein Jahresgehalt im Bereich eines unteren Angestelltengehalts. Für Musiker:innen ohne weitere Einkommen ist das knapp.

Der entscheidende Punkt: Dieses Modell setzt 550 verkaufte Tickets pro Abend voraus. Bei 350 Tickets — was viele Touren erleben — kippt die Rechnung. Die Tour macht dann etwa 80.000 Euro Bruttogage statt 128.000, die Kostenseite bleibt fast unverändert, und am Ende stehen unter Umständen 1.000–2.000 Euro pro Bandmitglied. Bei 250 Tickets, einer realistischen Größe für viele Touren von Newcomer-Bands, geht die Tour in den Verlust — die Band zahlt aus eigener Tasche dafür, dass sie spielt.

Was hier wirtschaftlich passiert, hat eine kulturpolitische Konsequenz, die in den vergangenen Jahren wachsende Aufmerksamkeit bekommen hat. Wenn die zweite und dritte Tour einer aufgehenden Band sich nicht rechnen, wird die dritte und vierte Tour nicht stattfinden. Die Bands, die in den achtziger und neunziger Jahren die Clubzirkel-Schule durchlaufen haben und daraus eine Karriere bauten — Slime, Notwist, Tocotronic, Element of Crime —, hatten andere Marktbedingungen: kleinere Crews, billigere Logistik, höhere Tonträger-Einnahmen, niedrigere Hallenkosten relativ zum Eintrittspreis.

2026 ist diese Schule teurer geworden. Die Initiative Live-Komm und die Kulturpolitik einzelner Bundesländer haben einige Fördermöglichkeiten geschaffen — die Initiative Musik fördert Tourkosten und Newcomer-Tourings, einige Länder haben ähnliche Programme aufgelegt. Wer förderfähig ist, bekommt einen Teil der Kosten gedeckt; wer keinen Antrag stellt oder durchs Raster fällt, trägt die volle Last.

Die kulturpolitische Frage, die hinter der Excel-Tabelle steht, ist einfach: Wollen wir eine Live-Musik-Kultur, in der nur Bands aus wirtschaftlich stabilen Familien sechs Wochen Tour ohne Garantie auf Auskommen riskieren können? Die Antwort lautet, wenn der Status quo bleibt, ja. Das ist eine politische Entscheidung, auch wenn sie nicht so verhandelt wird.

Was bleibt nach der Rechnung: die Erkenntnis, dass eine Clubtour 2026 in Deutschland möglich ist, aber nicht selbstverständlich. Sie verlangt Vorbereitung, Förderlogik, Verzicht und ein Publikum, das den Eintrittspreis zahlt. Drei der vier Faktoren sind verhandelbar; der vierte entscheidet, ob die Tour stattfindet oder nicht.


Ressort: Tour